Differentialdiagnose Nierenschmerz - der besondere Fall

 

 

 

Die Klage Ÿber Nierenschmerzen ist das ãtŠgliche BrotÒ in einer urologischen Praxis. FŸr Arzt und Patient ist es gleicherma§en unbefriedigend, fŸhrt die Leitlinien konforme AbklŠrung des Symptoms zu keiner ErklŠrung. Eine mšgliche Ursache des Nierenschmerzes wird oft nicht einmal wahrgenommen und soll an dieser Stelle dargestellt werden. Weder in den Leitlinien, noch sonst im Schrifttum wird der im Folgenden beschriebene Zusammenhang expressis verbis erlŠutert. In der Šrztlichen Praxis erzeugt die Darstellung des Syndroms bei Šlteren wie jŸngeren Kollegen anfŠnglich nur ein unglŠubiges LŠcheln.

 

Anatomie: Die Rippen erfŸllen zunŠchst eine ganz natŸrliche Schutzfunktion des Nierenorgans. Die unteren beiden Rippen sind nicht in den Rippenbogen eingefasst (sog. Fleischrippen oder fliehende Rippen).  Ihre Enden stehen frei am Brustkorbende ins Fleisch. Sie haben ein individuell stark unterschiedliches, meist kurzes LŠngenma§. Aber es gibt auch erstaunlich lange letzte Rippen (Tastbefund, AbdomenŸbersicht). Wohl eher der chirurgisch erfahrene Urologe (Flankenschnitt) orientiert sich bei der Untersuchung des Nierenlagers an der Rippenkonstellation.

 

Die Interkostalnerven und -gefŠ§e verlaufen jeweils am inneren, unteren Rand der Rippe. Beim Flankenschnitt als operativem Zugang zur Niere (meist zwischen zehnter bis zwšlfter Rippe) ist wegen der anatomischen VariabilitŠt zu besonderer Sorgfalt aufgerufen, um Verletzungen der Interkostalnerven mit postoperativ resultierender und persistierender Abdominal-Muskel-Relaxation zu vermeiden. Am Rippenende liegt der weitere Nervenverlauf geschŸtzt im Fleisch. Eine mechanische Belastung des Brustkorbs bzw. der Flanke bedeutet: je lŠnger die Rippe je grš§er der freie Bewegungsausschlag der Rippe, desto grš§er auch der unausweichliche Bewegungsausschlag fŸr den daran befindlichen Nerven, insbesondere im Bereich des knšchernen Rippenendes (Spie§).

 

Physiologie: AbhŠngig von der Kšrperhaltung (z.B. Dauerbelastung beim Liegen, Sitzen oder BŸcken) kann es - Ÿber kurz oder lang - durch die beweglichen Fleischrippen zur Irritation des Subkostalnerven (Neuralgie) kommen, mit dem subjektiven Erlebnis von ãNierenschmerzenÒ. Beispielhaft wŠre ein Patient, der fast jede Nacht frŸhmorgens wegen "NierenschmerzenÒ erwacht, dann schlaflos bleibt bevor er deswegen in der urologischen Praxis erscheint: beim Abtasten in der Praxis liegt eine extralange druckschmerzhafte 12. Rippe vor.

 

Diagnose: Wie vielfach in der anatomischen Fachliteratur dargestellt, ist es falsch, dass die unteren zwei Rippen verkŸmmert, stummelig, rudimentŠr ausgebildet sind, denn genau das Gegenteil kann immer wieder beobachtet werden. Richtiger wŠre die anatomische Aussage: ãDie elfte und zwšlfte Rippe ist eher rudimentŠr, kurz ausgebildet, sie kann aber auch hyperplastisch lang sein!Ò Hat ein Patient eine lange elfte oder zwšlfte Rippe und bleibt die Ÿbliche Diagnostik ohne ErklŠrung der Symptome, so kšnnte die Ursache in dieser anatomischen Variante liegen.

 

Therapie: Eine invasive Therapie mit Teilresektion der langen, freien Rippe ist meist nicht nštig, aber mšglich - Schšnheitschirurgen entfernen beim Wunsch nach einer schlankeren Taille untere Rippen durch einen einfachen kleinen Eingriff. SelbstverstŠndlich sollten konservative Ma§nahmen, wie z.B. osteopathische und/oder physiotherapeutische vorgeschaltet sein. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass sich die Patienten allein durch die einfache Darstellung des Sachzusammenhangs weitere diagnostische und konsekutive therapeutische Schritte ersparen.

 

Konsens: Eine vielleicht gar nicht so seltene Ursache des ungeklŠrten Nierenschmerzes kann in einer anatomischen Variante einer vergleichsweise langen freien Rippe begrŸndet sein und hŠtte somit folgenden Namen verdient:

 

LRRP-Syndrom

(Long Rip Renal Pain Syndrom)

 

 

PD Dr. med. Dr. med. habil. Hans-Bernhard Kastert, Facharzt fŸr Urologie

MŸnchen, 1. September 2016

 

 

 

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